Startseite

Königswinterer Notgeld

von Ansgar Sebastian Klein

"Wir bitten unsere Bezieher, den Boten die Mühe des Einkassierens zu erleichtern, indem sie den Bezugspreis in möglichst hohen Geldscheinen (nicht unter 10 Milliarden) zum Abholen bereit zu halten." Mit dieser Bitte an ihre Abonnenten erschien am 9. November 1923 das "Echo des Siebengebirges". Der Preis für ein Exemplar der Zeitung betrug in der Woche vom 9. bis 15. November 200 Milliarden Mark. Auf dem Höhepunkt der Inflation, Anfang Dezember 1923, kostete eine Ausgabe des Lokalblattes sogar 750 Milliarden Mark! Bezahlen konnten die Königswinterer mit dem von der Stadt selbst ausgegebenen Gutscheinen, dem sogenannten Notgeld. Doch nicht nur 1923, bereits zwei Jahre zuvor hatte es dies bereits einmal gegeben.

Nach dem Krieg fehlte es in Deutschland an Münzen, da ihr Metallwert höher war als ihr Nennwert und die Geldstücke deshalb von der Regierung aus dem Umlauf entnommen oder von der Bevölkerung gehortet wurden. Zur Behebung des Kleingeldmangels brachten Städte und Kreise Gutscheine, das sogenannte Notgeld, in Umlauf.

In Königswinter übernahm der Verkehrsverein die Ausgabe dieses ersten Notgeldes. Ab dem 15. Juli 1921 zirkulierten die Gutscheine im Nennwert von 25, 50 und 75 Pfennigen in der Stadt. Bei der Städtischen Sparkasse konnten sie eingelöst werden.

Mit einer besonders künstlerischen Gestaltung des Notgeldes spekulierte der Verkehrverein zum einen auf das Interesse des Notgeldsammlers, von denen keine Einlösung der Gutscheine erwartet wurde, und zum anderen auf die damit verbundene Werbung für die Stadt. Motive der selbstgedruckten Scheine waren deshalb der Drachenfels und das Siebengebirgspanorama, aber auch die Klosterruine Heisterbach. Hinzu kamen Darstellungen des Kampfes mit dem Drachen, das Stadtwappen und Symbole für die Haupterwerbsquellen der Region (Wein, Schiffahrt und Stein). Die Entwürfe hierzu stammten von einheimischen Künstlern wie Franz Josef Krings und Jean Bachem sowie Heinrich Vogel.

Durch ein Reichsgesetz vom 17. Juli 1922 ordnete die Regierung schließlich die Einlösung des Notgeldes innerhalb von drei Monaten an.

1923 trat jedoch mit dem Einmarsch der Franzosen ins Ruhrgebietes eine neue Krise ein. Das durch Krieg und Kriegsfolgen bereits hoch verschuldete Reich mußte nun zusätzlich die Kosten des von der Regierung ausgerufenen passiven Widerstandes tragen. Man bediente sich dafür der Notenpresse. Dieses reichte bei der galoppierenden Inflation bald nicht mehr aus. Rheinprovinz, Städte und Kreise druckten bald Notgeld, aber auch das war nicht genug.

Am 2. August begann die Stadt Königswinter als "vorübergehende Maßnahme" mit der Ausgabe von Gutscheinen, zunächst im Wert von 100.000 Mark. Rasch jedoch stiegen die Nennwerte des Notgeldes. Am 9. August druckte man bereits 1 Million-Mark-Scheine. Im September waren es Milliarden- und Billionen-Mark-Scheine. Sogar die Landbürgermeisterei Königswinter, die die Gemeinden Ittenbach und Aegidienberg umfaßte, gab einen 50 Milliarden-Mark-Schein aus.

Die bei Tillewein in Königswinter gedruckten Notgelder waren als reine Gebrauchsscheine nicht sehr aufwendig gestaltet, zweifarbig gehalten und manchmal nur einseitig bedruckt. Die Motive entstammten wie bereits 1921 vorwiegend der heimatlichen Umgebung. Allerdings fanden sich jetzt auch zeitkritische Zeichnungen und Texte darunter. So klagte man auf dem 200 Millionen-Schein vom 28. September: "O schöne Zeit, o goldn´e Zeit/Wohin bist Du entschwunden". Und angesichts der Flut von Millionenwerten - für die man sich kaum etwas kaufen konnte - stellte man am 21. September fast trotzig fest: "Es gibt nur ein Königswinter".

Mit der Gründung der Rentenbank und der Einführung der Rentenmark wurde im Oktober 1923 die Sanierung der Währung eingeleitet. Die neue Mark besaß einen Wert von 1 Billionen Papiermark. So schrumpfte die gewaltige Einlagesumme der Königswinterer Stadtsparkasse von 8517 Billionen umgerechnet nur 8517 Gold- bzw. Rentenmark zusammen.

Ende November 1923 rief die Stadt Königswinter ihre Notscheine auf und wechselte sie gegen solche des Siegkreises oder gegen wertbeständiges Geld ein. Insgesamt hatte sie in neunzehn Stückelungen Notgeld im Nominalwert von über 96 Trillionen aus. Die nicht mehr benötigten Scheine wurden schließlich 1924 verbrannt.

by the author 10.8.1999

Erstdruck in: Königswinter in Zeit und Bild II (12. Teillieferung, 2000)